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"Damals machte mir das Geigespielen keinen Spaß"

Dieses Zitat kommt in der Biographie vor; ähnlich äußerte sich Milstein in seinem Video-Interview (Quellenverweis).
"
Nathan braucht eine Beschäftigung, damit er nicht die Nachbarskinder verprügelt..."
"Ich mochte die Geige immer noch nicht..."
"Nach und nach begann ich mich für die Geige zu interessieren...(1915)

Diese Zitate wollen wir der Sache nach nicht anzweifeln. Das letzte Zitat jedoch stammt aus dem Jahr 1915, in dem Milstein von Stoljarsky selbst aufgefordert wurde, das Violinkonzert von Glazunov zu spielen. Immerhin in einer Zeit, als in Odessa ein starker Wettbewerb zwischen vielen guten Geigern in der Klasse von Stoljarsky herrschte.
Also kann das Desinteresse wohl nur so gedeutet werden, daß das Lernen Milstein, wie so vielen anderen wirklich großen Talenten, sehr leicht gefallen sein muß.

 

 

Vergleich von Live-Erlebnissen und Live-Aufnahmen mit den Studio-Aufnahmen:

Diejenigen Leser dieses Textes, die noch Gelegenheit hatten, Milstein in seinen Konzerten selbst zu hören, sind einer Meinung: Die Eindrücke des Meisters am Podium waren außergewöhnlich. Schon beim Betreten des Podiums wirkte Milstein wie ein    "ungekrönter König" .  Distanz zum Publikum schien es keine zu geben, Milstein spielte mit einer Selbstverständlichkeit und Souveränität, die das Publikum von der ersten Minute in seinen Bann zog.

Man kann heute noch beim Vergleich der wenigen Live-Aufnahmen mid den Studio-Aufnahmen derselben Komposition leicht feststellen, daß Milstein durch den unmittelbaren Kontakt mit seinem Publikum in hohem Maße beflügelt wurde. Sein Spiel ist extrovertierter und exzessiver als je bei einer Studio-Aufnahme.

In der frühesten mir vorliegende Aufnahme der "Paganiniana" aus dem Jahre 1946, einer live-Aufnahme, demonstriert Milstein seine Virtuosität in der allerhöchsten Weise. Nicht nur fordert er seiner Geige (spielte er schon damals seine Strad?) eine Tonfülle und Stärke bis an die Grenze des noch Machbaren, er fügt noch Spitzentöne und Läufe hinzu, die er später nicht gespielt hat.

Fortsetzung....

Nur Bach ??

Milstein gilt noch heute, 2001, fast 10 Jahr nach seinem Tod, als der Meister der Interpretation der Solo-Sonaten und Partiten BWV 1001 bis 1006 von Bach.

Wie er selbst in seiner Biographie erwähnte, waren diese Werke zur Zeit seiner Jugend in Rußland nur wenig bekannt und gespielt.
Milstein entwickelte eine persönliche Neigung für das Spiel dieser so schwierigen Werke, denen er sein ganzes Leben treu blieb.

Die zwei zentralen Einspielungen sind:
1. Die Einspielung für "Capitol Records", datiert 1954 bis 1956.
BWV1001: März 1954; BWV1002: Februar 1956; BWV 1003: Dezember 1956; BWV 1004: März 1954; BWV 1005: März 1956;BWV 1006: Dezember 1955)
Diese Einspielung zählt heute als Referenz für das "reine" Bach-Spiel, das dieses Jahrhundert geprägt hat.
2. Die Einspielung für "Deutsche Grammophon", erschienen 1975

Es ist müßig, darüber zu diskutieren, welche der beiden Einspielungen besser ist. Beide geben das Bild einer für unser Zeitgefühl gültigen Bach-Interpretation. Keine aufgesetzten Akzente, kein übertriebenes Vibrato, dafür aber die ausgefeilte Terrassendynamik, die heute leider nicht mehr gespielt wird.

Der unvergleichliche Ton
von Nathan Milstein ist in jeder seiner Aufnahmen präsent. Man wird schwerlich Aufnahmen finden, die Schwächen in der Tongebung haben.

Der Ton Milsteins wurde oft als "silbrig" bezeichnet. Glücklicherweise existieren heute noch genug Aufnahmen von sehr guter Qualität und Aufnahmetechnik, die keinen Vergleich mit den neusten Aufnahmen des Geigers zu scheuen brauchen.

Die Tongebung der Geiger aus der Schule von Leopold Auer zeichnet sich durch eine Ebenmäßigkeit aus, praktisch unhörbare Bogenwechsel, sparsamer Einsatz des Vibratos und große Klangfülle.

Milsteins Tongebung hat ihn wie keinen anderen Geiger befähigt, fast alle Stilarten zu spielen. Ausser Bach spielte er ein sehr breites Repertoire, das vor allem durch die Ton-Aufnahmen dokumentiert ist.
Seine Neigung lag einerseits bei barocken Werken von Geminiani und Vivaldi
andererseits aber auch im klassischen Repertoire und natürlich in der Romantik. Gerade bei romantischen Werken bleibt die Noblesse des Spiels immer gewahrt, Milstein hat nie übertreiben müssen; die Werk-Interpretation entsteht aus dem Werk heraus und wird nicht "aufpoliert".
Nathan Milstein konnte man nichts "abschauen", damit ist gemeint, man sah keine Besonderheiten. Wohl die Bogenhaltung in "Petersburger Manier", jedoch nicht betont, wie bei Heifetz, was berichtet werden kann, ist die Fähigkeit, an jeder Stelle des Bogens die gleichen Farben und die Fülle hervorzubringen. Ebenso kann die Bemerkung von Hartnack bestätigt werden, daß bei Milstein die Kontaktstelle des Bogens nicht akribisch eingehalten wurde. Trotzdem dieser unvergleichliche Ton...

Mit 82 Jahren auf dem Podium

Üblicherweise geht man davon aus, daß im Alter mit dem Nachlassen der physischen Kräfte und dem Verschwinden des Eros im Manne auch die Fähigkeit erlischt, den schönen Violinton hervorzubringen.

Nicht so gilt dies für Nathan Milstein! Im Gegenteil, manche der späten Aufnahmen zeigen eine Innigkeit im Ton und eine Reife des Spiels, die die oben gemachte Feststellung eindeutig widerlegt.

Milstein hatte bis zuletzt eine unfehlbare Intonation und eine volle Tongebung, die seinen Jugendaufnahmen nicht nachsteht.
Seine Kunst befähigte ihn, bis ins hohe Alter in jeder Hinsicht perfekt zu bleiben.

Während der altersbedingte Abbau bei Spätaufnahmen von Mischa Elman oder Joszef Szigeti unüberhörbar ist, nichts dergleichen bei Milstein.

Ich erinnere mich an eines der letzten Konzerte in Wien, bei dem Milstein das ganze Bach-Programm in der oberen Bogenhälfte spielte (Probleme im Ellbogen?). Unglaublicherweise war auch weiter hinten im Großen Saal des Konzerthauses im Wien der berühmte Milstein-Ton unverändert zu hören.

Thema 6

Fortsetzung zum Thema "Live oder Studio...

Das größte Erlebnis war jedoch, Milstein aus der Nähe zu hören. Man konnte in den 50er Jahren in den Wiener Konzertsälen nach Ende des offiziellen Programme im Mittelgang nach vorne gehen. Aus ca. 5 Meter Entfernung klang dann sein Spiel so, als würde er für jeden einzelnen Zuhörer alleine spielen. Die beliebte Zugabe, "Sicilienne" von Maria Theresia Paradis, gespielt con sordino, klang trotzdem im pianissimo bis in die hinterste Reihe des Saales.

Ich erinnere mich an eine Zugabe des moto perpetuo von Paganini, in rasendem Tempo gespielt, bei dem Milstein einzelne Noten mit Ganz-Bogenstrich ( ! ) nahm, um ihnen die nötige Akzentuierung zu verleihen.

Dieses "Aus-sich-herausgehen" demonstrierte Milstein genauso bei Bach und anderen Komponisten. Jedoch war er kein Freund von Konzert-Mitschnitten, wie mir die damalige Leitung des Konzerthauses in Wien erfuhr.

Was unvergessen bleibt, ist die Gestalt dieses Meisters, auf der Bühne unverrückbar stehend und seine ebenmäßige nahtlose Tonproduktion, mit der er vor allem sein Wiener Publikum immer wieder in atemloses Staunen versetzte und das ihm die Erlebnisse mit Applaus von weit über einer halben Stunde dankte.

Der Besucher möge sich selbst überzeugen, wenn er Zugang zu Live-Aufnahmen hat.

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Thema 8
Thema 9
Thema 0
 
Reflexionen zu den Themen
Jugend:Die Anfänge  
"Geige spielen machte mir in der Jugend keinen Spaß"
(Zitat aus der Biographie)
mehr dazu...
Live oder Studio
 
Erfahrungen aus Konzerten mehr dazu...
Nur Bach?
War er der reine Bach-Spezialist ? mehr dazu...
Der unvergleichliche Ton  
Der berühmte "silberne" Ton mehr dazu..
Die Konzerte im Alter  
mit über 80 noch Konzerte mehr dazu...
Thema 6  
  mehr dazu...
   
   

 

 

 

Reflexionen

 

 

 
Geigespielen macht keinen Spaß...
  Worin bestand die besondere Wirkung von Nathan Milstein auf sein Publikum ?
  Wie sind die Aufnahmen von Milstein zu beurteilen?
  Bach und sonst nichts ?
  Bach, aber wie?
  Der "silberfarbene" Ton Nathan Milsteins
  Im Konzertsaal mit über 80 Jahren...kaum vorstellbar...