
Thomas Bernhard
Tätigkeit: Schriftsteller,
geb. am 9. Februar 1931 in Heerlen bei Maastricht/Holland
Analysierte Schriftprobe: Brief an Hilde
Spiel vom 2. März 1971
Alter des Schreibers zur Zeit der Schriftprobe: 40 Jahre
Schriftprobe
herunterladen (PDF Datei, 129 kB)
Interpretation der Analyse:
In der vorliegenden Schrift überwiegt das erlebnisgebundene Denken
und Vorstellen das abstrakte Denken. Geschickt und schnell verbindet er
aufgrund von Assoziationen die verschiedensten Themenkreise, wobei ihm
an detaillierten Analysen weniger gelegen ist, sondern mehr an der großen
Gesamtschau, dem Einfangen und der Wiedergabe von Stimmungen sowie einem
flüssigen Gedankenablauf. Dabei bewegt er sich auf ungewohnten Denkbahnen,
findet eigenständige und kreative Ideen, Denkmodelle, etc. Seine
Gedanken präsentiert er sprunghaft und umschreibend. Manches Mal
ist er zu flüchtig, ungeduldig und leichtfertig, um Gedankengänge
ganz zu durchdenken. An Details erinnert er sich am besten, wenn Sie im
Zusammenhang mit einem bestimmten Muster stehen.
Der Schreiber bevorzugt eine Arbeit und Umgebung mit Abwechslung, er schätzt
es, wenn er immer wieder neue Lösungen zu Problemen finden kann.
Durch unflexible Strukturen, feste Abläufe, Vorschriften und fixe
Pläne fühlt er sich eingeengt. Regeln oder Normen spielen weder
in seinem Denken, noch in seinem Verhalten oder seiner Urteilsbildung
eine ausschlaggebende Rolle. Er zieht es vor, die Dinge so lange wie möglich
offen zu halten, Lösungen situativ und selbständig zu erarbeiten.
Die in diesem Absatz erläuterten Fähigkeit kann er bei seiner
schriftstellerischen Tätigkeit gut einbringen.
Seine Persönlichkeit ist sehr stark von einer inneren Unruhe geprägt,
was sich daraus erklärt, dass er sich gegen innere und äußere
Reize schlecht abgrenzen kann. Sich auf etwas zu konzentrieren und sich
nicht ablenken zu lassen, fällt ihm schwer. Auf Außenstehende
kann er den Eindruck eines Sich-treiben-Lassenden erwecken, der immer
auf dem Sprung zu etwas ist und stets neue Ideen hat.
Der Umgang mit dem Schreiber gestaltet sich nicht ganz unkompliziert.
Er scheint sich zwar teilweise anzupassen und tolerant zu sein, aber mehr
aufgrund von Desinteresse. Seine Nonchalance sowie das Nicht-Fixieren
bei Entscheidungen können im Umgang mit ihm sehr angenehm sein. In
bezug auf gemeinsame Entscheidungen oder Projekte, bei denen Initiative
unabhängig von persönlichen Vorlieben und Stimmungen gefragt
ist, definitive Aussagen und das Beziehen eines festen Standpunkts notwendig
wären, können diese Eigenschaften auch eine mühsame Seite
haben. Seine eigenwilligen Vorstellungen, Überzeugungen sowie Darstellungswünsche
können öfter etwas zu sehr in den Vordergrund rücken, was
der Zusammenarbeit, Toleranz und Kompromissbereitschaft im Wege stehen
kann. Dem Schreiber liegt zudem nicht sehr viel daran von seiner Umwelt
verstanden zu werden. Darin zeigt sich ein gewisses Exklusivitätsgefühl:
er nimmt sich die Freiheit, Dinge so zu gestalten und darzustellen, wie
er sie für richtig hält ohne allzu sehr darauf zu achten, ob
dies im Einklang mit seiner Umwelt steht. Sein wechselhaftes und schwer
einschätzbares Verhalten erklärt sich dadurch, dass er häufigen
Stimmungsschwankungen unterworfen ist. Hinzu kommen seine Vieldeutigkeit,
Strohfeuernatur, sein Abwechslungsbedürfnis und eine daraus resultierende
Unbeständigkeit - Eigenschaften, die einen Kontakt sowohl anstrengend
und kompliziert als auch lebendig und vielseitig werden lassen können.
zum Seitenanfang
|