Sommergespräch 2005 mit Professor Gustav Kuhn

Gustav Kuhn beantwortete am 22. August 2005 folgende Fragen:
(der Gesprächspartner war Ruprecht Hattinger)


Interview mit Gustav Kuhn
   Elektra am 21.8.2005

 

 

Der ganze Ring in 24 Stunden, nur ein Marathon?
Das Konzept der Elektra-Produktion
Das Orchester hinter den Sängern
Die Breite des Programms in Erl
Produktionen in den kommenden Jahren?
Weitere Aktivitäten neben Erl?

 

Im Zusammenhang mit den Aufführungen von Wagners „Ring“ wird immer wieder von einem „Ring-Marathon“ gesprochen. Nun weiß ich selbst, daß von Dir kein Marathon beabsichtigt war, sondern daß ein ganz anderes Konzept dahinter stand. Kannst Du uns bitte etwas über Dein Konzept sagen?  Zusätzlich: Ist damit nun ein Höhepunkt der Wagner Aufführungen erreicht?

Ich weiß nicht, ob es wirklich ein Höhepunkt oder „der“ Höhepunkt ist, ein Zwischengipfel ist es sicher, und Marathon ist auf jeden Fall falsch, da es um Zustände wie totales Versinken oder sich versenken geht, wie wir es bereits mit den Beethoven Symphonien gezeigt haben. Es sind Dinge, welche die Schauspielregisseure schon seit Jahrzehnten betreiben und dies konnte oder wollte das musikalische Theater nach unseren Gesichtspunkten so nicht leisten.
Gustav Kuhn im Gespräch Man sagte eben, ein Orchester kann nicht in unmittelbarer Reihenfolge Walküre und Siegfried spielen. Wir haben gezeigt, daß dies vom rein Technischen her sehr wohl möglich ist und es hat im Gegenteil dem Orchester Lust bereitet, daß der „Wagner-Marathon“ von der Presse so gut angenommen wurde, ebenso von den Zusehern, mit denen wir ohnehin gerechnet hatten und von denen niemand ausgefallen ist, auch nicht von Älteren.

Wir sehen dies als eine entscheidende Stufe, mehr von der Organisation und der Aufführungsmöglichkeiten für einen musikalischen Apparat her gesehen. Als Einziges ist einem Marathon ähnlich, daß man sich in einen Trance-Zustand versetzt. Also, kein Rekord, sondern ein Theaterunternehmen, das eine neue Form kreiert hat. Wir werden dies jedoch nicht zu einem ständigen Ereignis machen.


Wenden wir uns der Elektra zu: Die beiden Aufführungen wurden fulminant bejubelt, dazu würden mich Deine Gedanken zum Konzept der szenischen Darstellung interessieren, mit der Zusatzbemerkung, daß einige Zuseher einen stärkeren Ausdruck der Leidenschaft, Raserei und Rache auf der Bühne, im Szenischen  erwartet bezw. vermißt haben.

Wir machen uns oft direkt einen Spaß daraus, das Verdoppeln in der Opernliteratur anzuzeigen; das heißt, das Orchester rast – der Sänger rast. Das Orchester drückt die wahnwitzigsten psychischen aber auch körperlichen Zustände aus: Tanz, ein namenloser Tanz – Elektra hebt das Knie (das muß man erst einmal machen), und in dieser Verdopplung sehe ich immer nur ein Hindernis.
Unsere Inszenierung hat gezeigt, je dunkler die psychische Situation wird in diesem Psycho-Terror Gespräch zwischen Elektra und Klytämnestra, desto heller erstrahlt das Licht. Wenn die Musik nur mehr bebt und hinter Elektra die Bühne in Blut, oder technisch gesprochen, im Rot eines Vorhanges zu beben beginnt, dann brauche ich Elektra nicht „herumwackeln“ lassen, sondern kann sie ruhig stehen lassen, was mir viel wichtiger erscheint, als hysterisches Herumgehüpfe.

 Ich habe Elektra in bestimmt 10 Inszenierungen dirigiert, und es hat mir jedes Mal als Dirigent sehr mißfallen, daß in Passagen, die ohnehin schon weder singbar sind noch spielbar, dann auch noch ein hysterisches Theater veranstaltet wird.
Daß wir keine unbewegliche Regie gemacht haben, zeigt ja bereits die erste Szene, die Mägde Szene, die ich bisher nicht in dieser Leichtigkeit und Beweglichkeit gesehen habe.
Es freut mich, daß einige wichtige Zeitungen, wie FAZ oder Standard oder die Süddeutsche unser Regiekonzept positiv bewerten und andere werden vielleicht auch noch draufkommen.


Du hast in dieser Elektra in Form des „Mythos“ etwas Neues eingeführt. Wie kam es zu dieser Idee?

Mir war klar, daß die szenischen Möglichkeiten hier im Erler Passionsspielhaus beschränkt sind, denn wir haben durch die Orgelpfeifen rechts auf der Bühne eine sehr dominante Gegebenheit, um die wir nicht herumkommen.
Gustav Kuhn Im Ring hat dies noch keine Rolle gespielt,  obwohl wir die Orgel z.B. als Stierhörner einsetzen, aber bei Elektra, wo ich noch weiter reduzieren wollte, schien mir diese Orgel plötzlich sehr dominant und ich dachte an den unglaublichen Streit um die Musik in der Kirche, (was hat die Musik mit der Messe zu tun, wieweit darf die Musik hier verfälschen, das Gemüt des Menschen falsch beeinflussen?).

Der Streit um das Orgelspiel zur Messe ging bis zur Todesstrafe. Dadurch kommt man auf diese Urzustände, wie tierisches Lachen, wenn es einem schlecht geht, oder auch das Opfern von Jungfrauen. So sagt eben Klytämnestra: „Was immer Du willst, wird gemacht, damit ich nicht mehr träume“. So ist diese Orgel als das mythologisch sichtbare Instrument eines Passionsspielhauses in den Vordergrund gerückt.
Man mußte aber auch jemanden haben, der diese Orgel spielt, so wurde die Darstellung des Mythos zum Motor dieser Inszenierung.
Überdies sieht man in der Partitur der Elektra, daß sich jede psychisch schwere Stelle in Tanz auflöst. Auf die Regieanweisung „Elektra wirft das Knie hoch“ kommt, kann ich bei solchen Stellen verzichten. Alle Elektras, die hier das Knie hochgeworfen haben, haben der Lächerlichkeit nicht entbehrt, eben dies wollte ich vermeiden.

Dafür aber steigt Elektra in meiner Inszenierung über ihre eigene Leiche (in der Figur des Mythos), was sehr deutlich sichtbar wurde. Dies als logische Entwicklung des jeweiligen Tanzes hat mich auf diese Figur gebracht.


Nochmals zum Passionsspielhaus: Dem Einen klingt das Orchester zu laut, da es über die Sänger spielt, andere finden es durch den Vorhang zwischen Orchester und Bühne sehr ausgewogen. Ich selbst fand  es sehr gut; welche sind nun Deine Erfahrungen, auch im Hinblick darauf, daß man auch in Bregenz das Orchester aus dem Orchestergraben geholt hat?


Es wird eben jetzt modern und immer öfter praktiziert. Durch uns ist man draufgekommen, daß diese Technik ganz gut funktioniert, denn wir haben sie erstmals im Jahre 1998 angewendet. Ich finde dies eine sehr logische Form, die übrigens Ingmar Bergman schon im Jahr 1980 an der Münchner Staatsoper ausprobieren wollte. Richard Wagner wollte sie schon 1870 oder 1860 probieren, aber damals gab es keine Monitore, daher konnte der Dirigent die Sänger nicht sehen.
Ich hingegen sehe mit Hilfe von zwei Kameras die Sänger und die Bühne genau.
Bei einem Konzert mit großen solistischen Aufgaben hat man ebenso die Sänger vor dem Orchester, daher ist es nur logisch, diese Anordnung auch in die Oper zu bringen. Nachdem wir auch auf das Guckkastentheater gerne verzichten, ist es eine zwingende Form.

Übrigens, ich erinnere mich gut an eine Don Giovanni Produktion, die ich in Italien  machte:
Nach der Premiere schrieben die beiden wichtigen Zeitungen – „Corriere de la Sera“, die andere Repubblica“ Rezensionen. Repubblica schrieb sinngemäß: „...erstaunlich die Musikalität im Don Giovanni, aber welch schrecklicher Regisseur ist doch dieser Kuhn..“. Genau das Gegenteil schrieb Corriere de la Sera: „Welch guter Regisseur, schade, daß er musikalisch nicht mehr so gut drauf ist, wie früher“.

Eine weitere Kritik zitiere ich gerne immer wieder: Daß der Kapellmeister Mozart sich unverschämterweise an ein Stück von Pretzner herangemacht hat (Entführung aus dem Serail), und in zwei Jahren wird kein Mensch mehr wissen, wer Mozart ist, aber Pretzner wird auf Ewigkeit bestehen. Dies erschien in der Wiener Zeitung 1785. So etwas beruhigt mich dann selbst sehr.


Das Programm der Festspiele in Erl umfasst dieses Jahr eine besondere Breite, Rossini und Wagner, Strauss, Mahler und daneben viele Rahmenprogramme. Beabsichtigst Du, weiterhin,  die Festspiele in diesem Umfang weiterzuführen und ließe sich dies auch finanziell durch Förderer darstellen?

In dieser Breite war dies heuer ein einmaliger Ausflug, der dadurch ermöglicht wurde, daß wir zum dritten Mal den Ring gespielt haben. Durch den Ring haben wir phänomenal hohe Einnahmen aus dem Kartenverkauf, die wir in andere Projekte umdirigieren können.
Nachdem wir nächstes Jahr nur mehr eine Wagner-Oper spielen, eben nicht vier,  - wir spielen den Tristan -  werden wir nicht solche Reserven haben und werden diese Ausdehnung nicht durchhalten können. Im Prinzip wollen wir auf die alte Formel kommen, drei Wochen im Juli zu spielen und eine Woche, um den 15. August herum, ein Familien- und Kinderfest zu veranstalten.
Es ist dies mein großes Anliegen, das ganz junge Publikum und Familien, die sich für Musik interessieren, heranzuziehen.


Welche neuen Produktionen planst Du für die kommenden Jahre?

Nächstes Jahr kommt eben Tristan, 2007 machen wir Parsifal, im Jahre 2008 werden wir uns dem Belcanto widmen, da wir 2008 wegen der Passionsspiele nicht im Passionsspielhaus sein werden.
Im Jahr 2009 wollen wir dann unseren komplett erarbeiteten Wagner bringen. Wir werden mit Rheingold beginnen, dann Walküre und anschließend nur die ersten zwei Akte von Siegfried bringen, (da in der Kompositionsreihenfolge von Wagner anschließend Tristan und die Meistersinger gekommen sind). Tristan und Meistersinger werden daher an Siegfried 1. und 2. Akt anschließen. Danach kommt der 3. Akt von Siegfried. (Es liegen ja 10 Jahre zwischen der Komposition des zweiten und dritten Aktes von Siegfried), und dann werden wir den ganzen Reigen mit Götterdämmerung und Parsifal enden lassen.
Damit hat auch ein Opernfreund, der z.B. aus Australien anreist, seine sieben Opern komplett.


Welche Aktivitäten hast Du neben Erl noch?

Interview mit Gustav Kuhn Das Zentrum Erl ist sozusagen unsere Auslage, das Aushängeschild der Accademia di Montegral, ich habe daneben eine sehr schöne Aufgabe mit der Camerata der Universität von Mailand. 
Weiters bin ich künstlerischer Leiter des Haydnorchesters Bozen-Trient, und arbeite bei der Bertelsmann-Stiftung mit. Ich dirigiere die Filharmonia Marchigiana und habe daneben verschiedene Dirigate wie beispielsweise die Boheme in Paris.
Das Zentrum ist jedoch die Arbeit in der Accademia. Obwohl die Accademia sich in Lucca, in der Toscana befindet, verstehen wir uns dort als absolut dreisprachiges Zentrum und wir leben dort auch die Dreisprachigkeit.

Danke für dieses Gespräch