Tiroler Festspiele
 
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Kommentare und Kritiken zu Aufführungen in Erl

An dieser Stelle bringe ich meine Kommentare, Gedanken und Meinungen zu Aufführungen der Tiroler Festspiele.

Parsifal in Erl 2006 - Keine Kritik

von Ruprecht Hattinger

Die Premiere vom 16. Juli und der fulminante Abschluß der diesjährigen Tiroler Festspiele in Erl waren - wie könnte es anders sein - Richard Wagner gewidmet.
Erl hat sich durch die konsequente und beharrliche Umsetzung von Gustav Kuhns Konzepten in den letzten Jahren einen Namen als Wagner-Spielstätte, mehr noch, als Wagner Hochburg gemacht.
Martina Tomcic, Thomas Gazheli Michael Baba
Martina Tomcic,
Thomas Gazheli
Michael Baba
Nach der sensationellen Produktion des ganzen Rings der Nibelungen im Jahr 2005, davon eine Ring-Aufführung innerhalb von 24 Stunden wurden 2006 "Tristan" und "Parsifal" auf die Bühne gebracht.

In Wagners letztem Werk knüpft Kuhn direkt an die Dramaturgie, die Bilder und die von ihm besonders betonte Symbolik des Rings der Nibelungen an. Hat dieser doch in seiner Handlung ein stark erzählendes Element, das sich durch alle Teile zieht, so fügen sich im Parsifal die religiösen Anklänge dieses Werks besonders in den Rahmen des Passionsspielhauses ein. In der Darbietung der Tiroler Festspiele erleben wir in einem Stück Musiktheater eine Form der Ausgewogenheit von Musik und Darstellung, die anderswo längst nicht mehr zu finden ist. Aus dem heutigen Festspielgeschehen sind wir an Regisseure gewöhnt, die durch ihre überladene Inszenierung und Darstellung alles dessen, was ihnen denkmöglich erscheint, weit über das eigentliche Werk hinausgehen. Sie stellen, man denke nur an Salzburg, mehr sich selbst, denn das Werk dar, die Musik braucht man eben dazu.
Nichts von alldem läßt Gustav Kuhn zu. Er stellt, auch durch die eingeschränkten Möglichkeiten der Regie im Erler Passionsspielhaus gefördert, Darstellung und Musik nebeneinander, wie es vielen Zuhörern noch aus den alten Zeiten.Furtwänglers oder Karajans aus Salzburg oder Berlin in Erinnerung ist.

Unter Kuhn als Dirigenten glänzt das Orchester durch die Noblesse des strahlenden Tons, die durchgängig eher rasch gehaltenen Tempi, durch ausgewogene Klang-Balance und Piano-Kultur, die wir besonders vom Siegfried aus Erl schätzen.
Der Regisseur Kuhn hingegen erzielt mit teilweise einfachsten Mitteln überzeugende szenische Wirkung. Darüber hinaus ist von besonders gelungenen Ideen zu berichten, wie etwa der Realisierung des Schwans, den Kuhn in Form einer Ballettänzerin auf die Bühne bringt.
Claudia Czyz, Manfred Hemm
Claudia Czyz,
Manfred Hemm

Aus der Einfachheit und Beschränktheit der Möglichkeiten heraus wäre manches Detail in der Ausführung überlegenswert, als Ganzes aber finden wir eine Darstellung, die näher der nicht regielastigen, sogar der konzertanten Aufführung steht, als alles, was sich im Festspielsommer so abspielt. Wir erleben eine wohltuende, aber eher singulär dastehende Rückbesinnung auf die Grundgedanken des Musiktheaters.
Martina Tomcic
Martina Tomcic
In der Premiere sang Michael Baba die Titelrolle, überzeugend in stimmlicher und dramatischer Hinsicht, Manfred Hemm den Gurnemanz. Die Kundry, gesungen von Martina Tomcic glänzte durch ihre farbenreiche Stimme und grazile Bühnenpräsenz. Michael Kupfer als Klingsor war ihr ein kongenialer Partner. Thomas Ganzhelis Amfortas komplettierte die überzeugende stimmliche Gesamtleistung.

Noch ein Wort zu den Festspielen 2006 als Ganzes:
Zwischen der Eröffnung am 8. Juli und dem Abschluss am 29. Juli wurden insgesamt 23 Veranstaltungen in Erl angeboten. Dazu kamen noch ein Gastspiel in Kufstein mit zwei Abenden auf der neu überdachten Festung Die Besucherzahl war so erfreulich wie noch nie: Insgesamt 19.750 Gäste sorgten für ein stets prall gefülltes Passionsspielhaus und für eine in Windeseile ausverkaufte Festungsarena. Auch die Kammermusik- und Klavierabende in der Erler Pfarrkirche erfreuten sich regen Zustromes.
Im Jahre 2007 können wir eine Wiederaufnahme des Rings und den "Tannhäuser" erwarten. Das Programm rund um die Werke Wagners herum wird umfangreich sein, wie in allen Jahren zuvor.

Zu guter Letzt:
Bitte, weshalb "keine Kritik? Nun, das möchte ich Ihnen erklären: In den letzten 10 Jahren sind Opernproduktionen vom Begriff "Musiktheater", so unscharf dieser auch sein mag, an vielen Spielorten abgeglitten in "Schauspiel mit Musikuntermalung", man denke nur an Kritiken über Aufführungen in Salzburg, in denen es -sinngemäß- hieß: "Die Inszenierung war ......, sodaß man sich eher auf die Musik konzentrieren mußte...". Wie wahr, aber auch wie richtig.

Gustav Kuhn ist von Anfang seiner Festspiele in Erl dem ursprünglichen Begriff des Musiktheaters treu geblieben, nicht nur, weil die Raumknappheit am Spielort dies fordert, sondern aus Überzeugung. Wagner als Gesamtkunstwerk, Aufführungen in Erl als Gesamtkunstwerk...Ist eine Kritik angebracht? - Ich glaube nicht, meine Meinung nährt auch ein Blick in die Kritiken über Aufführungen in Erl, kontroversieller könnten sie nicht sein! Daher also: Keine Kritik.

geschrieben am 6. August 2006 in Erl.

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